Veröffentlicht am 29. März 2018

Trends in der Puten-Gesundheit – ein update

Welche Gesundheitsaspekte bergen die größte Gefahr für die US-amerikanische Putenwirtschaft? Diese Frage wurde kürzlich einer Gruppe führender Produktionsspezialisten und Tierärzten gestellt, mit interessanten Trends, die nachstehend beschrieben werden.

Der nachfolgende Artikel ist eine Zusammenfassung eines Vortrages anlässlich der diesjährigen Turkey Science and Production Conference, die vom 21. – 23. März in Chester, UK, stattfand. 

Die Arbeitsgruppe Puten der US-amerikanischen Tiergesundheitsorganisation unter Leitung des Vorsitzenden Dr. Steven Clark befragt regelmäßig Produktionsleiter und Tierärzte hinsichtlich des Gesundheitsstatus von Puten. Die Ergebnisse des Zeitraums von August 2015 bis August 2017 sind in Tabelle 1 wiedergegeben und sind nach ihrer wirtschaftlichen Bedeutung geordnet. Dieser Artikel widmet sich drei Erkrankungen, die in den letzten drei Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen haben:  Ornithobacterium rhinotracheale (ORT), Bordetella avium (BA) und Erkrankungen des Bewegungsapparates.

Tabelle 1: Umfrageergebnis zur Puten-Gesundheit (August 2015 – August 2017) unter Tierärzten in der US-amerikanischen Putenwirtschaft

Table 1 turkey health 2018 DE.jpg
1= keine Bedeutung to 5 = ernsthaftes Problem

ORT (Ornithobacterium rhinotracheale)  

Im Jahre 1995 wurde ORT (Ornithobacterium rhinotracheale) sowohl  bei Elterntieren als auch Masttieren zu einer der Hauptursachen für Erkrankungen des Atmungstraktes und für Verluste im Mittleren Westen der USA. Seit dieser Zeit ist ORT in fast allen Produktionsgebieten der USA endemisch verbreitet. Für die Bekämpfung werden in den Zuchtfirmen vorwiegend bestandsspezifische Impfstoffe eingesetzt. In der letzten Befragung zur Situation im Jahr 2017 rangierte ORT inzwischen bereits auf Platz 3, während es im Jahr 2015 noch Platz 7 war. Was hat diesen Anstieg der Bedeutung beeinflusst? Hier sind verschiedene mögliche Faktoren zu nennen:

  1. Entwicklung neuer ORT-Stämme, gegen die bei den Tieren keine Immunität besteht. 
  2. Schaffung eines Systems von Aufzucht und Mast an verschiedenen Standorten (sog. “Ein-Altersgruppen-Standorte”). Dieses System zur Isolierung der Jungputen von älteren Tieren wurde geschaffen, um die Problematik der Virus-bedingten Jungtiererkrankungen (Poult Enteritis & Mortality Syndrom, PEMS) zu lösen, welches die amerikanische Putenwirtschaft lange Zeit schwer beschäftigt hatte. Damit verbunden war allerdings auch eine Verhinderung einer frühen Immunitätsausbildung gegen Ort vor Umtrieb in die Mastfarmen. Als Vergleich: im Jahre 2009 wurden nur 39% aller Betriebe als Ein-Altersgruppen-Standorte betrieben. Im Jahr 2017 waren es bereits 63%.
  3. uneffektive oder zeitweilig nicht durchgeführte Reinigung und Desinfektion des Wasserversorgungssystems.
  4. Wildvögel in den Ställen.

Wegen des Fehlens verfügbarer zugelassener Impfstoffe war die kontrollierte Exposition von Jungtieren durch Einbringen gebrauchter Einstreu aus ORT-positiven älteren Herden während der Aufzucht ein Weg mit lokalem und zeitweiligem Erfolg in Bezug auf ORT. Man muss sich allerdings auch darüber im Klaren sein, dass bei diesem Vorgehen auch andere Krankheitserreger wie z. B. Reoviren oder Salmonellen mit übertragen werden können.

Bordetella avium (BA) 

Die wirtschaftliche Bedeutung dieses krankmachenden und die Immunität herabsetzenden Bakteriums steigt jedes Jahr. Es ist inzwischen erwiesen, dass Jungputen, die BA infiziert sind, eine herabgesetzte Immunreaktion auf Impfstoffe wie zum Beispiel die Newcastle-Krankheit (ND) oder die blutige Darmentzündung (HE) zeigen. Dadurch bleiben diese Tiere gegenüber diesen Krankheitserregern empfänglich, obwohl sie dagegen geimpft wurden. BA kann sich sehr gut im Tränkesystem halten und vermehren. Daher muss eine sorgfältige Reinigung und Desinfektion des Wasserversorgungssystems, auch im besetzten Stall, das vorrangige Ziel bei der Eliminierung von BA sein. Auf Mehr-Altersgruppen-Standorten ergeben sich durch die ständige Möglichkeit der Re-Infektion der Jungtiere von älteren infizierten Tieren noch andere Herausforderungen, um den Teufelskreislauf zu durchbrechen. 

Beinprobleme

Erkrankungen des Bewegungsapparates befinden sich seit Jahren im oberen Bereich der Umfrage und spielen auch unter Verbrauchern im Hinblick auf Tierwohl eine wichtige Rolle. Zwischen Herbst 2016 und Winter 2017 schien die Beinschwäche-Problematik sowohl im frühen Stadium, als auch in der Endmast in allen Produktionsbereichen der USA zuzunehmen. Daraufhin startete der nationale Putenerzeugerverband eine Umfrage, um die Ursachen dieser Zunahme zu ergründen. 61% der Geflügeltierärzte und 23% der Puten-Farmer nahmen an der Umfrage teil. 75% aller Teilnehmer stammte aus dem Mittleren Westen und 20% aus dem Südosten der USA. Die wichtigsten Erkenntnisse sind nachfolgend zusammengefasst:

  • Auftreten vorwiegend bei schweren Hähnen
  • Gehäuftes Auftreten zwischen 10. – 12. und 13. – 15. Lebenswoche
  • Häufige Diagnosen: Knochenmarkentzündung, Reovirus, Tibiale Dyschondroplasie (TD), Chondrodystrophie (CD) und beidseitige Beinverkrümmungen (X- und O-Beinigkeit)
  • Hauptursachen: Fütterungs-bedingte Schäden & Reovirus 
In einzelnen Fällen von Rachitis / Chondrodystrophie bei Jungputen wurde ebenfalls Reovirus-bedingte Sehnescheidenentzündungen nachgewiesen. Beide Erkrankungskomplexe können im späteren Alter bei Einzeltieren noch andere Beinschwächeproblematiken nach sich ziehen. Das gleichzeitige Auftreten verstärkt jedoch fast immer das Krankheitsbild.

Im gleichen Zeitraum wurde auch in Europa vermehrt über Erkrankungen des Bewegungsapparates berichtet. Diese umfassten sowohl Chondrodystrophie bei Jungputen als auch Beinverkrümmungen bei älteren Tieren und Beinschwäche bei Elterntieren.

In vielen Fällen ergab die Futteranalyse Unterversorgung durch einzelne B-Vitamine oder Imbalanzen bei Kalzium und/oder Phosphor. Die Ursachensuche bei Fütterungs-bedingten Störungen ist meist schwierig und aufwendig, da das Ergebnis maßgeblich von den untersuchten Futterproben abhängt, diese aber nicht immer repräsentativ für die gesamte Lieferung sind.


Zusammenfassung

Krankheitserreger sind flexibel, anpassungsfähig und unscheinbar. Daher wird der Tierhalter immer wieder vor Herausforderungen hinsichtlich der Gesunderhaltung seiner Tiere gestellt. Der beste Weg, diesen Herausforderungen zu begegnen, ist, sich selbst in der Krankheitsfrüherkennung weiterzubilden, seine Herden aufmerksam zu beobachten, bei der Biosicherheit höchste Standards zu setzen und seinen Hoftierarzt zu Rate zu ziehen, wenn man selbst keine Ursache findet.